Pressemitteilungen

01. April 2016

Angriffe gegen Journalisten

SWR-Workshop setzte ein Zeichen

Wer über Flüchtlingsgegner berichtet oder über die Hooligan- oder Salafistenszene, der kann schnell ganz persönlich in die Schusslinie geraten. Der SWR organisierte jetzt in Mainz ein ARD-weit bislang einmaligen Workshop. Themen: Handlungsempfehlungen für die Arbeit vor Ort, Infos über rechtliche Gegenstrategien, Verantwortung der Führungskräfte.

Der SWR-Workshop in Mainz brachte viele Tipps fürs Verhalten vor Ort. Referenten waren unter anderem Thomas Görger (li.) und Hauptkommissar Axel Pütter. Fotos: Eric Beres

Das Wort „Lügenpresse" ist derzeit in aller Munde. Dass man nicht erst zu „Pegida" nach Dresden fahren muss, um Anfeindungen gegen Journalisten zu erleben, davon wussten gleich zu Beginn des Beispiel gebenden SWR-Workshops vier Reporterinnen und Reporter aus dem SWR zu berichten: tätlicher Angriff von Salafisten auf ein Reporter-Team, Rufmordkampagnen durch rechte Gruppen im Internet, Störung einer Live-Schalte durch Rechtsradikale. „Ich wollte 'besorgten Bürgern' eine Stimme geben und geriet plötzlich in eine Situation, aus der ich nicht mehr herauskam und die mich völlig überforderte. Die Wut der Leute vor Ort hat mich völlig aus dem Tritt gebracht", schilderte eine Kollegin.

 

Verhalten vor Ort

 

Dieser Vorfall war Grund genug für die Geschäftsleitung, Reporterinnen und Reportern möglichst zeitnah ein Forum zu bieten, um das Problem anzupacken. Auf Initiative der Chefredaktion Fernsehens und mit Unterstützung der Landessenderdirektion wurde in Mainz eine Arbeitsgruppe eingesetzt und zusammen mit der Personalentwicklung und der ARD/ZDF-Medienakademie ein Konzept ausgearbeitet. Als Moderator wurde Thomas Görger, WDR-Journalist und erfahrener Trainer, gewonnen.
Görger stellte klar, dass sich die Anfeindungen normalerweise nicht persönlich an den Reporter vor Ort richten. Zur Zielscheibe werde er, weil er als Vertreter des „Systems" angesehen werde. Heißt also: Sich vor Ort nicht auf persönliche Diskussionen einlassen, sachlich bleiben, auch wenn es schwer fällt. Ein wichtiger Rückhalt seien bei Dreharbeiten im Team die Einschätzungen jedes Einzelnen. Seitens der Redaktion müsse klargestellt werden, dass ein Dreh notfalls abgebrochen werden könne, wenn die Situation zu eskalieren drohe und kein inhaltlicher Ertrag zu erwarten sei.
In Gruppen erarbeiteten die 17 Teilnehmerinnen aus Nachrichten- und Magazinredaktionen, Außenstudios und Produktion weitere Handlungsempfehlungen: Schon im Vorfeld, so ein Vorschlag, könne in institutionalisierten Besprechungen die genaue Gefahrenlage geklärt werden (Einsatz von Sicherheitskräften, zweiter Reporter vor Ort, Rückzugsstrategien „Klientel-Recherche, möglicher Verzicht auf Beitrag, Frage der Verantwortung). Diskutiert wurde auch, ob spezielle Pools mit Reporterinnen und Reportern gebildet werden sollten, die bereit sind, sich bewusst auf brisante Drehsituationen einzulassen.
Axel Pütter, Hauptkommissar und Leiter der Polizeipressestelle in Bochum, warb in einem Gastvortrag dafür, schon im Vorfeld kritischer Veranstaltungen den Kontakt zur Polizei zu suchen. Diese könne die Berichterstattung flankierend begleiten. Auf die üblichen Deeskalationskonzepte könne man allerdings kaum zurückgreifen. Pütter: „Mit rechter Klientel können Sie nicht diskutieren!"

 

Rechtliche Grundlagen

 

Eine Referentin aus dem Justiziariat des SWR erläuterte, inwiefern Reporterinnen und Reporter bei ihrer Arbeit gefilmt und die Aufnahmen anschließend ins Internet gestellt werden dürfen: Grundsätzlich haben Reporterinnen und Reporter zwar ein „Recht am eigenen Bild". Wer als Reporter des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks allerdings aus der Rolle falle, etwa durch Art und Weise des Auftretens oder der Fragetechniken, müsse sich unter Umständen gefallen lassen, dass er gefilmt werde. Ihr Ratschlag: So wenig Angriffsfläche wie möglich bieten. Schwierig sei zudem, Videos oder persönliche Anschuldigungen aus dem Netz zu bekommen. Neben rechtlichen Hürden müsse immer auch überlegt werden, inwieweit die „Gegenseite" dadurch nicht erneut provoziert werde. Das Justiziariat stehe jedoch beratend zur Seite und werde künftig betroffenen Reporterinnen und Reporten aktiv Hilfe anbieten.

 

Görger: "Bringschuld der Führungskräfte"

 

Eine Bringschuld sieht Trainer Görger vor allem bei den verantwortlichen Führungskräften in den Redaktionen. Es bedürfe nicht nur klarerer Strategien im Vorfeld der Berichterstattung. Nach einem Vorfall müsse betroffenen Kolleginnen und Kollegen zugehört, Hilfe (etwa juristischer Art) angeboten und ihnen Wertschätzung entgegengebracht werden. Görger: „Sie müssen das Gefühl bekommen, mit dem Problem nicht alleine da zu stehen - und sei es, dass man nur sagt: 'Du hast für uns den Kopf hingehalten, danke dafür!'" Nach einem bestimmten zeitlichen Abstand, etwa nach zwei Wochen, müsse erneut nachgefragt werden: Was ist in der Zwischenzeit möglicherweise noch geschehen, wie verarbeitet der oder die Betroffene das Erlebte und wie kann der Sender weiter unterstützen?
Längst nicht alle Fragen konnten an diesem Workshop geklärt werden. Einfache Lösungen gibt es nicht. Doch ein Anfang ist gemacht. Reporterinnen und Reporter konnten ihre Erfahrungen, ihre Ängste und Wünsche austauschen und sich konkrete Tipps, seien sie noch so banal, geballt vor Augen führen. Das Thema wird wohl ein Dauerbrenner bleiben. In Kürze wird die Personalentwicklung des SWR auch am Standort Stuttgart einen solchen Workshop anbieten.

 

Autor: Eric Beres, SWR Redaktion Report Mainz